Herta Poddine

(Abdruck aus: Eva Zippel; Angelika Fellmer (Redaktion); Carola M. Hoehne (Redaktion): Geschriebenes. Nachtgedanken, Erzählungen, Literarische Skizzen, Stuttgart 2011)

 

Die Malerin und Graphikerin Herta Poddine geb. Zippel (1921–1986) war Eva Zippels ältere Schwester.

 

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Herta mit Eva, 1925

In den Hundstagen von 1921, genauer am 25. Juli, kam sie zur Welt. Um sie zu baden, mußte die Mutter auf den städtischen Wasserwagen warten, denn in Stuttgart waren die Leitungen abgestellt. Kaum konnte Herta gehen, lief sie schon davon. Zutraulichkeit und Neugier trieben sie in fremde Gärten. So wurde sie kurzerhand an einen Baum gebunden.

 

Erwachsen wurde sie schon mit knapp vier Jahren ­ als ich geboren wurde und sie sich an meine Wiege stellte. Sie übernahm die voile Verantwortung für die kleine Schwester und behielt sie. Außer meiner Mutter durfte mich niemand anfassen, vor allem durfte keiner über mich lachen, denn sie nahm ihre Aufgabe ernst und verbat sich jegliches „Ei-dei-dei“ seitens der Verwandten.

 

Ich konnte ohne sie nicht sein. Das sah sie auch ein und nahm mich, als ich erst vier Jahre alt war und heulend am Gartentor stand, einfach mit in die Schule, wo sie mich in der dreizehnten Klasse als schulwürdig abgab. Unsere Eltern waren 1926 nach Frankreich übersiedelt, wo der Vater Arbeit fand. Die französischen Sitten und Gebräuche waren der Mutter ebenso fremd wie die Sprache; so hielt sie das Lyceum für einen Kindergarten, der ihr erst fragwürdig wurde, als ich im dritten Jahr schon mit Bruchrechnungen nach Hause kam.

 

Herta und ich wuchsen zweisprachig auf. Wir konnten mitten im Satz, wenn die Mutter dazukam, vom Französischen ins Schwäbische wechseln. In Bourg-la-Reine, am südlichen Stadtrand von Paris, erlebten wir unsere Kindheit. Herta war der absolute Häuptling einer Kinderbande, die in wilden Spielen durch die Straßen zog. Ohne Herta lief nichts. Wenn sie nicht da war, weil sie im Ballettunterricht oder zu Besuch in einem Zigeunerwagen war, saßen alle Kinder auf dem Bordstein und langweilten sich. Sie erfand nicht nur auf regende Spiele und führte Regie, sie konnte auch abenteuerliche Geschichten erzählen, alles wahre Begebenheiten, versteht sich, wo viel Blut floß. Sie war dabei so überzeugend, daß es oft Tränen des Entsetzens gab und auch einmal eine Lehrerin zu uns nach Hause kam, um nachzusehen, wie man dem Schlimmsten abhelfen könnte.

 

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Eva, 1928

Herta mußte mir jeden Abend im Bett eine Geschichte erzählen. Kaum hatte ich das Plumeau übers Kinn gezogen, befahl ich: „Raconte!“ Es waren alles wahre Geschichten, solche, die sie erlebt hatte, etwas zum Angstmachen, und ich spielte Fürchten. Unser Einverständnis lag darin, daß ich niemals Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Erzählungen bekundete. Und sie hielt mich für vernünftig genug, die Frage nach der Wahrscheinlichkeit aus dem Spiel zu lassen, so daß sie die Höhenflüge ihrer Phantasie ausdehnen konnte, ohne befürchten zu müssen, von den Tatsachen gebremst zu werden.

 

Leider war nicht jeder so vernünftig wie ich. Einige Erwachsene, bei denen die Phantasie verwelkt war und die es sich zu eigen gemacht hatten, die Wahrheit dem Möglichen anzupassen, behaupteten: „Herta lügt!“

 

Wir Kinder waren keine solchen Spielverderber. Wir gönnten den Eltern die Freude unserer Überraschung mit dem Osterhasen und die feierliche Stimmung, wenn das Christkind mit dem Glöckchen bimmelte. Wir freuten uns einfach mit. Aber wir wußten, der Osterhase kam, wenn die Mutter am Abend zuvor die hartgekochten Eier färbte. Und das Christglöckchen hätten wir, wenn wir es darauf angelegt hätten, ohne weiteres in seinem Versteck gefunden; aber wir hätten nie behauptet, die Eltern lügen. Wie auch immer, Hertas Geschichten waren für mich ebenso wahr wie die Geschichten in der Bibel, nur die Erwachsenen konnten das nicht verstehen.

 

Herta war keine gute Schülerin. Rechnen und alle abstrakten Stoffe übten auf sie eine lähmende Wirkung aus, wohingegen sie im Aufsatz und im Zeichnen glänzte. Es war wunderbar, was sie aus ihrem ersten Aquarellkasten hervorbrachte. Sie wollte eine ganz große Malerin werden. „Weißt Du“, sagte sie mir, „Bilder, auf denen kein Rot vorkommt, sind keine guten Bilder“. In ein leeres Kontobuch mit kartoniertem Deckel, das aussah wie ein echtes Buch, begann sie einen Roman zu schreiben. Sie schrieb und schrieb, wollte mir aber nichts vorlesen. „Weißt Du“, belehrte sie mich, „die ersten zehn Seiten eines Romans müssen langweilig sein“. Seitdem hat sie keine Kunsttheorien mehr aufgestellt.

 

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Herta und Eva, 1929

Herta fuhr leidenschaftlich gerne Metro. Da sie nun einmal die Verantwortung für meine Erziehung übernommen hatte, nahm sie mich auf ihre Fahrten mit, um mir das Leben zu zeigen. Ich mußte die Stationen auswendig lernen, in die „gute Richtung“ umsteigen, dann ließ sie mich alleine in den Zug steigen und nahm den nächsten. Weil ich so klein war, konnte ich vieles unbemerkt beobachten, was ich ihr dann berichten mußte. Ich sah Hände und Bäuche, sich küssende Liebespaare, Exibitionisten, die fast immer ihr Schaustück hinter einer ausgebreiteten Zeitung versteckten, und war auch einmal Zeuge eines epileptischen Anfalls, vergaß aber die Reihenfolge der Stationen nie: Porte d’Orléans. Alésia, Mouton Duvernet, Denfert-Rochereau, Montparnasse, umsteigen Richtung Gare St. Lazare. Vor der Cité hatte ich große Angst, weil mir Herta gesagt hatte, der Zug führe jetzt unter der Seine.

 

Schon früh ließ sich Herta viel für meine Erziehung einfallen. Als Kleinkind mußte sie mich bei Dunkelheit aufs Klo begleiten, da ich mich schrecklich fürchtete. Während langer Sitzungen stand sie geduldig vor mir. Dann deutete sie auf den Schatten, den der Türknauf an die Wand warf: dies sei die Hexe Niénié. So würzte sie die Sicherheit ihrer Gegenwart mit einem Quäntchen Grauen, um mich mit der Gespensterwelt vertraut zu machen. Schwieriger war es für sie, mir das Weinen abzugewöhnen. Trösten ist keine Geste, die der Geschwisterlichkeit würdig ist. Also unterstützte sie unsere Mutter, die meine Heulerei bei der kleinsten Widerwärtigkeit als Unart einschätzte und ihrerseits zu Erziehungsmaßnahmen griff. Sie kaufte etwas, was ich nur einmal im Jahr zu meinem Geburtstag bekam: eine Tafel Schokolade. Nach jedem Tag, an dem ich nicht geweint hatte, sollte ich ein Stück davon bekommen. Schon wenn ich das Gesicht verzerrte, um loszubrüllen, deutete Herta mit ausgestrecktem Finger auf die Schublade. Das half. Am Abend sah sie mir mit ihren strahlenden grauen Augen zu, wie ich meine Schokolade genüßlich verzehrte. Ich kam nie auf den Gedanken, ihr etwas davon abzugeben, und sie kam niemals auf den Gedanken, etwas für sich zu fordern. Es war ihr Sieg.